The Irrelevance of Time

Datum: 14. März 2017 (Tag 158)
Position: 23° 42,3’ N, 082° 13,5′ W
Etmal: 136 sm
Wetter: Luft 27°C, 1016 hPa, wechselhaft, Wind N, 4-5 Bft.
von Carlo

carloNach 5 Monaten liegen uns jetzt nur noch 2 Monate bevor. Wir befinden uns jetzt ja bekanntlich schon auf dem Rückweg zwischen Kuba und Freeport auf den Bahamas. Auch wenn es so geplant war aus Zeitgründen, die Bahamas doch nicht anzulaufen, müssen wir nun doch einen kleinen Umweg auf dem Weg nach Bermuda fahren. Dies ist auf den großen Durst unserer Unterwassersegel zurückzuführen, da sich in den vergangenen Tagen der Wind nicht oberhalb von Neptuns Reich zeigen wollte. Jetzt will der Wind zwar wieder und zwar gar nicht schlecht, aber die letzten Tage bestanden aus einem ständigen Segelsetzen, Segelbergen, ein anderes Segel setzen, das dann wieder bergen, ein Weilchen mit Unterwassersegel fahren und dann wieder Segel setzen und dann wieder von vorne 🙁 .

Aber genug von schlechten Nachrichten: Manuel, unser lieber Mathelehrer, hat sich, wohl als er sich Formeln und Methoden ausdachte, um arme Kinder zu ärgern, und dadurch nicht ganz bei der Sache war, auf seine Brille gesetzt. Die ist, wie es nicht anders hätte kommen können, an beiden Gelenken gebrochen. Manuel war dann seeeeehr traurig, aber ein fantastischer, wirklich toller Schülermaschinist hat seine Brille vorbildlich in harter, stundenlanger Filigranarbeit mit Kaltmetall repariert. Sie sieht fast wie neu aus und Manuel ist jetzt wieder seeeeeehr glücklich.

Und noch eine kleine Geschichte: Gestern auf unserer Nachtwache hatten wir einen großen, blinden Passagier. Nein, nicht Manuel, weil seine Brille noch kaputt war! Ein bisher noch nicht genau identifizierter Vogel mit etwa 1m Spannweite hat trotz ordentlicher Schräglage des Schiffs, wie kardanisch aufgehängt auf unserem Backbord-Davit (Kran fürs Beiboot) geschlafen!!! Klaus, mein Steuermann, war davon sehr fasziniert und hat ein Bild gemacht und ihn beobachtet.

Ok, zurück zum wichtigen Zeug: Die Zeit! Von Anfang an (in Hamburg) haben wir uns immer gedacht, wenn wir mal über den Atlantik sind … aber das ist ja noch so lange hin. Dann haben wir uns gedacht, wenn wir mal auf Kuba sind … aber das ist ja noch so lange hin. Jetzt liegt Kuba schon bereits ein paar Tage hinter uns und wir sind bereits näher an den Florida Keys, als an Kuba. Wir haben heute sogar von ein paar Amis der US-Coast-Guard Besuch bekommen. Die haben sich bestimmt gedacht, dass wir ganz verdächtig sind, weil wir aus Kuba kommen und sind deshalb mit einem großen Propellerflugzeug in etwa 100m Höhe über uns drüber geflogen. Mit inzwischen nur noch etwa 40 Seemeilen Abstand zu Marathon in Florida und nur noch 70 nach Miami kann ich es ihnen aber auch nicht verwehren. Hier in der Straße von Florida herrscht reger Schiffsverkehr. Das ist, auch wenn ihr es schwer glauben könnt, wirklich eine ungewöhnliche Tatsache, da wir eigentlich seit Teneriffa und dem letzte Tag vor Colon sehr wenige Schiffe gesehen haben. Naja, jetzt sind wir von dicken Tankern in der 250-Meter-Plus-Klasse umzingelt. Ist aber auch interessant und gut zu wissen, dass schnell jemand da wäre, falls wir ein Problem hätten.

Um wieder zur Zeit zurück zu kommen: Jetzt liegen ja nur noch etwa 8 Wochen vor uns und die Zeit ist im Rückblick so wahnsinnig schnell vergangen. Mir kommt es so vor, als  wären wir gerade erst auf Grenada losgefahren, um zu den Kuna-Indianern zu fahren. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, obwohl das Verlangen nach gewissen Dingen wie einer Badewanne, einer großen Koje und so manchen kulinarischen Dingen langsam doch ein bisschen größer wird.

Ok, tut mir leid, dass ich so einen Krimskrams hier schreibe, aber immer wenn ich wieder was über mein eigentliches Thema, die Zeit schreiben will, fällt mir wieder was anderes ein. Ich beende diesen Tagesbericht mit der neusten Nachricht des Tages: Abgesehen davon, dass wir mit !!!8 Knoten segeln!!!!, ist Bishals Wasserflasche kaputt!!! Sie ist kaputt!!! Einfach runtergefallen und gebrochen!! Bishal erkenne es doch endlich. Sie ist kaputt. Du kannst nichts mehr für sie tun!! Ach und für alle die, die sich Fragen, was ein Unterwassersegel ist: Die Hauptmaschine. Ich grüße noch meine lieben Hauptstädter und wünsche meiner Oma viel Spaß mit ihrem Handy.
Liebe Grüße, Carlo

Hort des Friedens & der Liebe

Datum: 13. März 2017 (Tag 157)
Position: 22° 55,6′ N, 084° 25,7′ W
Etmal: 148 sm
Wetter: Luft 27°C, 1015 hPa, sonnig, Wind S, 1 Bft.
von Jesko

jeskoBisher war die Johann Smidt immer ein Hort des Friedens, der Gesetzestreue und der Liebe. Jeder kannte und achtete die an Bord unseres Schiffes herrschenden Regeln, aus Respekt vor sich selbst und den anderen. Schon seit unserer Ankunft in den Ländern der dritten Welt Mittelamerikas beäugten wir die hiesige Kriminalität äußerst argwöhnisch und versuchten mit allen Mitteln nicht selbst Opfer eben dieser zu werden, so wie es bereits einer Lehrerin von uns widerfahren ist. Nicht immer gelang uns dies zu unserer Zufriedenheit. So kam es doch zum ein oder anderen hinterlistigen Taschendiebstahl. Jedoch erlitt niemand mehr, wegen der in den betreffenden Ländern so zahlreich vorhandenen Verbrecher, körperlichen Schaden.

Aufgrund dessen waren wir in unserer unschuldigen Naivität bis zum heutigen Tage der Meinung, dass auch, wenn der ein oder andere schon unter den hier herrschenden Umständen leiden musste, wir diese doch immer von Bord hatten fernhalten können. Ein Trugschluss, wie sich bald herausstellen sollte. Als eine unserer Lehrerinnen heute Morgen nichtsahnend bei der Hygienekontrolle der Sanitäranlagen im Vorschiff einen Blick in die Toilettenpapierrollenaufbewahrungsboxen warf, muss sie der Schreck wie ein Schlag getroffen haben. In Plastiktüten verpackt lagen dort 10 Zigarren und 4 Zigarillos, überwiegend der Marke Guantanamera, welche zudem für die schlechte Qualität ihrer Produkte bekannt ist. Das Wissen, dass Drogenhandel in den von uns besuchten Ländern vorkam, war bei den meisten von uns durchaus vorhanden. Dass allerdings so verantwortungsbewusste, obrigkeitshörige, deutsche Staatsbürger wie wir sich mit der hier so omnipräsenten Kriminalität, man möchte fast sagen, angesteckt haben, hätten wohl auch die pessimistischsten unter uns nicht für möglich gehalten.

Noch dazu bin ich durch den beschriebenen Vorfall besonders betroffen, da ich die Person, welche für den versuchten Drogenschmuggel inzwischen verantwortlich gemacht wurde, bis Dato zu meinen Freunden zählte, jedoch nie von ihr erwartet hätte, dass sie über so viel kriminelle Energie und einen so schlechten Geschmack verfügt. Doch das war nur die Spitze des Eisbergs. Aufgrund des Fundes wurde direkt nach dem Mittagessen eine großangelegte Drogenrazzia angekündigt und direkt im Anschluss mit aller Gründlichkeit durchgeführt. Im Zuge dieser stellte sich heraus, dass wir es tatsächlich mit einem noch viel größeren Problem zu tun hatten, als befürchtet. Als sich unser Lehrer Michi gewissenhaft an die Inspektion der 6er-Kammer machte, entdeckte er eine weitere Tüte mit Schmuggelware in ungeahnten Mengen. So kam hier zu einigen Zigarettenschachteln und Zigarren eine Flasche mit alkoholischem Inhalt, jedoch nicht etwa ein viele Jahre gereifter, guter, kubanischer Rum, sondern absolut ekelhafter spanischer Apfelwein zum Vorschein. Da hierfür jedoch noch kein Crewmitglied dingfest gemacht werden konnte, bleibt nur zu hoffen, dass wir alle heil in Hamburg ankommen, bevor die hier an Bord nun als nächster logischer Schritt folgenden Drogen- und Bandenkriege überhand nehmen. Sich in seiner Kammer verschanzend,
Jesko

P.S.: Auf Bitte einiger Personen hin stelle ich hier noch einmal klar, dass es sich bei den betreffenden Ländern wie Costa Rica, Panama, etc. natürlich nicht um Länder der dritten Welt mit einer unglaublich hohen Kriminalitätsrate handelt, dass unsere Lehrerin genau genommen auf Martinique, also französischem Boden überfallen wurde, dass die meisten Taschendiebstähle auf unser Verschulden zurückzuführen sind, und dass auf unserem Schiff (bisher) keinerlei illegale Drogen gefunden wurden, was möglicherweise durch eine (beabsichtigte) missverständliche Ausdrucksweise im Text geschlossen werden könnte. Dieser Zusatz sollte jedoch für alle nicht vollkommen Sarkasmus resistenten Leser überflüssig sein.