Führung durch die Roald Amundsen

Datum: 26. Dezember 2017
Position: 13°01,0’N, 070°56,3’W
Etmal: 149 NM
Wetter: Wasser 28°C, Luft 30°C, Windstärke 5-6
von Janis

Ich wache heute Morgen in meiner Koje sehr verschlafen auf, da ich in der Nacht von 0:00 – 4:00 Uhr Wache hatte. Ich brauche erst einmal ein paar Minuten, um wach zu werden. Es ist nun 10:00 Uhr und da ich gerade nichts zu tun habe, werde ich euch jetzt mal eine Runde durch die Roald Amundsen führen: Nachdem wir aus meiner Kammer 8 herausgetreten sind, stehen wir in einem großen und langen Gang. Wir gehen den Gang links entlang durch ein Hydraulikschott hindurch, welches bei Wassereintritt oder einem Brandfall geschlossen werden kann. Wir gehen weiter und vor uns liegt nun der mittlere Niedergang, den man nach 20:00 Uhr nicht mehr benutzen darf, da sich die Kapitäns-, Steuermanns-, Lehrer- sowie einige Schülerkammer direkt daneben befinden und damit zu rechnen ist, dass dort um diese Uhrzeit geschlafen wird. Unter dem mittleren Niedergang ist eine kleine, enge Luke im Boden zu sehen, welche zu unserer Dosenlast führt, in der ein Großteil unserer Lebensmittel gestaut ist. Neben dieser Luke befindet sich eine Stufe, die zu unserer Sechserkammer und einen Meter weiter zu unserer Waschmaschine und dem Trockner führt. Auch hier ist wieder eine kleine, enge Luke im Boden zu finden, bei der es sich nun um die Luke zur Trockenlast handelt. Hier ist alles gestaut, was nicht nass oder feucht werden darf.

Einen Schritt weiter nach links befindet sich eine sehr große von Verena selbstgemalte Karte, auf der man unsere sechsmonatige Reiseroute sieht. Jeden Tag wird dort der aktuelle Standort eingetragen, wodurch man selber erst realisiert, wie weit man eigentlich allein durch die Kraft des Windes gesegelt ist und wie weit man von zuhause weg ist. Wenn man sich jetzt umdreht, liegt ein schmaler langer Gang vor einem. Das ist der Tigergang, in dem man bei starkem Seegang immer „hin und her fliegt“. Außerdem teilen sich hier jeweils zwei Personen einen Haken, an welchem Klettergurte und das Ölzeug hängen, das wir im Moment bei 30 Grad nicht brauchen. Auf der anderen Seite sind viele Schränke, in denen unter anderem zum Beispiel das Putzzeug für das Reinschiff, die Bettwäsche oder auch die Unterrichtsmaterialien der Lehrer verstaut sind. Hier im Tigergang hört man schon – vor allem am Abend – viele Stimmen. Sie kommen aus der Messe, die sich am anderen Ende des Tigergangs befindet. Hier spielen die Schüler Gesellschaftsspiele, machen noch Hausaufgaben oder sitzen einfach gemütlich zusammen, wenn sie keine Lust mehr auf ihre heißen Kammern haben. Die Frontwand der Messe ist voll von bunten und unterschiedlich großen Plaketten, welche von verschiedenen Regatten sind, die die Roald mitgesegelt ist. Nun müssen wir hier schnell raus, denn die dritte Unterrichtsstunde (Deutsch) beginnt jetzt für die Schüler.

Gehen wir nun den Niedergang hoch, der im Deckshaus endet. Oben angekommen liegt vor uns ein Schott, welches der Eingang zum Maschinenraum ist. Hinter uns befindet sich die Kombüse, in der die Vormittagsbackschaft ein leckeres Mittagessen für uns macht (Nudeln mit Gorgonzola- oder Braten-Sauce – oder einfach mit Ketchup). Links und rechts von uns befinden sich noch eine Dusche und eine Toilette. Außerdem gibt es auf beiden Seiten jeweils ein Schott, welche uns entweder steuer- oder backbords auf das Schiffdeck führen. Wir nehmen das in Fahrtrichtung rechts gelegene „Steuerbord-Schott“. Davor ist links noch einer der wichtigsten Räume der Roald: Die Navi! Hier könnt ihr alles finden, was mit Navigation und der Seefahrt zu tun hat. Treten wir nun durch das Schott an Deck. Wir gehen nun nach links direkt zur Brücke, auf der die stehende Wache sitzt. Der Weg führt uns über das freie und große Deck der Roald Amundsen. Wenn ihr nach oben schaut, seht ihr den Vor- und den Großtopp. Im Vortopp hängen ein paar Schüler in ihren Klettergurten, um Schifferhaltaufgaben zu erledigen. Am Bug der Roald finden wir den Klüverbaum, an dem unsere vier Vorsegel befestigt sind, von denen im Moment nur der Außenklüver gesetzt ist.

Vor dem Klüverbaum ist noch unser Ankerspill, mit dem wir den Anker fallen oder bergen können. Gehen wir als letztes den vordersten Niedergang runter… nun stehen wir in einem großen Raum, in dem auch Hängematten gespannt sind. Dies ist das Messelogis, welches aufgrund des Niederganges auch ohne Ventilator der kühlste Schlafplatz ist. Vor dem Messelogis ist nun ein weiteres Schott, welches zur Bootsmannslast führt. Hier hängen viele Werkzeuge und Seile, die wir für den Schiffserhalt brauchen. Nun führe ich euch durch das Messelogis zurück durch den Gang und wir stehen nun wieder vor meiner Kammer 8.

Da ich noch sehr müde bin, gehe ich vor meiner nächsten Wache noch einmal pennen. Ich hoffe, euch hat der kurze Einblick in die Roald Amundsen gefallen! Jetzt könnt ihr euch eventuell ein bisschen besser vorstellen, wie unser „Zuhause für sechs Monate“ aussieht.
Janis

1. Ich bedanke mich für alle Weihnachtsbriefe – vor allem für Ree“s Gedicht (ich vermiss dich), außerdem grüße ich Birgit, ich denk viel an dich. ;)) (LY)
2. Danke für den Lebkuchen (der wurde direkt in der Nachtwache vernichtet) und für das Buch! Der Weihnachtstag war sehr, sehr schön, obwohl ich für den bunten Salat 3 Stunden in der Kombüse stand. Ich grüße meine ganze Familie (explizit Maya!), meine Klasse, außerdem Luk, Leo, Lenny, Julie und Co., Mia, Jelle, Jonas und alle anderen, die diesen Blog mitverfolgen. Ich denke an euch! (Anouk)
3. Danke Mama für die kleinen Geschenke und den Tannenduft. Und da ich nicht weiß, ob die Sternschnuppenwünsche bis zu euch reichen, wünsche ich euch hier einen guten Start in das neue Jahr! Gebt diesen Wunsch auch weiter in Isen, nach Mühldorf und an die ganze Familie verteilt in Deutschland!

Erinnerung an morgen

Datum: 25. Dezember 2017
Position: 13°53,8’ N, 068°20,6’W
Etmal: 130 NM
Wetter: Wasser 27°C, Luft 29°C, Windstärke 5
von Benedict

Ich werde geweckt, ein Augenblick später stehe ich an Deck, es ist das erste Mal auf dieser Etappe, dass ich pünktlich bin. Es ist Mitternacht und noch vier Stunden Wache erwarten mich. Nach einem Tag Schule lege ich mich müde auf einer der Bänke, die sich auf der Brücke befinden. Ich schaue hoch in den Himmel, dort wo die Sterne mich anlächeln. Mit Freude kann ich es kaum erwarten, mit 6 Knoten auf die San Blas Inseln zu zusteuern. Wie wird es dort sein? Ähnlich wie in Martinique?

Dort lagen wir in einer Bucht vor Anker an der Westküste… Mein Blick schweift hoch und ich sehe Berge, die mit Bäumen voll bewuchert sind und da, wo die Sonne die Blätter berührt, erblüht ein intensives Grün. Die Vegetation geht über ihre Grenzen und läuft über wie ein kochender Topf Spinat in der Kombüse.

Die Blicke der Menschen hier an Board sind erfüllt mit Freude. Sie lächeln und die Stimmung lockert sich. Es freuen sich alle, endlich wieder Land zu sehen! Das Gefühl, etwas (eine neue Landschaft) zum ersten Mal zu sehen, ist unbeschreiblich! Ich hole tief Luft und ziehe sie durch die Nase. Der Geruch erinnert mich an den, wie den eines Tropenhauses oder Aquariums. Es riecht nach etwas Feuchtem, Stickigem – aber trotzdem gut.

Ab und zu stürzen auf uns schnell vorbeigehende Schauerregen vom Himmel herab. Es ist aber ein schöner Regen: fein und zart, warm und trüb. Trotzdem gehen wir wie Feiglinge in Deckung – als hätten wir Angst, dass uns der Regen in Stücke reist. Der Regen ist anders als der in Europa und jedes Mal, wenn er herabfällt, entsteht ein natürliches buntes Wunder. In der Ferne sehe ich kleine Felsen, dort ist das Wasser wild und ohne Unterbrechung spritzt die Gicht hoch am Stein entlang. Doch wenn ich in die Tiefe schaue, auch wenn es Dunkel ist, sehe ich den Meeresgrund auch von weitem.

Der Aufprall auf die Wasseroberfläche ist hart. Ich sinke wie ein Stein. Ich öffne die Augen und sehe eine ganz neue Welt. Bunt und schön, angesichts der unüberschaubaren Weite und Tiefe aber auch bedrohlich. Die Korallen leuchten richtig im Wasser und kleine Fischschwärme ziehen an mir vorbei. Ein kleines Paradies.

Nach Dämmerung erscheinen weiße Kreaturen an die Wasseroberfläche. Springen bis zu zwei Meter aus dem Wasser und drehen im Sprung Spiralen. Es sind Calamari, die uns aus der Tiefe der Dunkelheit an der Oberfläche besuchen kommen. Das Wort „Calamari“ erinnert mich an ein Rezept von Jamie Oliver … eine schöne Erinnerungen!

Ich bin bei einem Kokosnusshändler gewesen und habe mir erklären lassen, was der Unterschied zwischen den Kokosnüssen, die wir kennen (braun und rund) und jenen ist, die sie auf den Laderäumen ihrer Trucks geladen haben, jenen, die wie grüne Riesenbohnen aussehen. Die grünen Kokosnüsse sind auch normale Kokosnüsse! Während die braunen schon sechs Monate alt sind, sind die grünen Kokosnüsse erst zwei Monate alt und werden nur für Kokosnusswasser verwendet. Freundlichkeit nimmt hier in der Karibik einen ganz anderen Stellenwert ein: Keine gezwungene, sondern eine ehrlich authentische Herzlichkeit wird dir jeden Augenblick direkt entgegengebracht – egal ob du reich oder arm bist.
Benedict