HSHS 17/18 auf der Roald: Zahlen, Daten, Fakten

Datum: 5. April 2018
Position: 48°13,0’N, 012°59,0’W
Etmal: 150 NM
Wetter: Wasser 11°C, Luft 11°C, Windstärke 8-9
von veRena

Messe, gegen halb neun am Morgen. Die Reste der abziehenden Wache halten sich an ihren Nutellabrötchen und gleichzeitig das frische Rührei fest. Wir liegen auf dem Backbordbug und rollen tüchtig. Eine große Welle bringt alles aus dem Gleichgewicht, die Roald holt mächtig über. Alle werfen sich auf die schlitternden Teller und Nutellagläser auf der Back, Julica verliert ihren Tee im hohen Bogen aus der Mugg und fällt so hin, dass es KP den Hocker unter dem Hintern wegreißt und er unter die Back rutsch. Stille. Oh je. Hat KP sich verletzt? Betretene Gesichter.

Einen Moment später schallt es in Basstönen laut unter der Back hervor: „Julica!!?! Was für einen Tee hattest du?“
„Kamille.“
„Ah, dann ist ja alles gut“, brummelt KP, setzt sich kamillegetränkt wieder an die Back und die Messe bricht erleichtert in Gelächter aus.

Wir sind also immer noch 46 heile, gesunde Menschen an Bord (man muss sagen, „nur“ 46 Menschen, denn die meiste Zeit sind wir 47 gewesen und einmal sogar 48. Man muss sich dabei bewusstmachen, dass uns nur 45 Kojen zur Verfügung stehen).
Multipliziert man diese Zahl 46 mit der Anzahl unserer Segel (17), kommt man auf 782, was den Gedanken entspricht, die wir täglich an das Leben jenseits des Schanzkleids verschwenden (die Gedanken beschränken sich in der Regel auf bestimmte Mahlzeiten, das eigene Bett und hemmungsloses Duschen).

Subtrahiert man von den 782 Gedanken die Anzahl unserer Tampen, kommt man auf genau 600. (Die genaue Zählung unserer Tampen ergab übrigens Zahlen zwischen 175 und 190. Es kommt immer darauf an, ob man die Sorgleinen, das Schlauchfall oder das Fall des nicht angeschlagenen Royalstagsegels mitzählt. Ich lege mich heute auf 182 Tampen fest und ignoriere das protestierende Geschrei um mich herum und an Land. Beweist mir erstmal das Gegenteil!).

Die 600 hat auf unserer Reise überhaupt keine Bedeutung, teilen wir sie aber durch die Anzahl unserer Masten, gelangen wir zur PS-Zahl von „Emma“, der Maschine unserer schönen Brigg. Aber bleiben wir bei der 600 und ziehen einfach mein Geburtsjahr ab. Übrig bleiben 531. Das gibt an, wie oft „Aaaalter“ pro Stunde in der Kombüse geschrien wird, wenn Andy, Nico oder Arthur Backschaft haben. Das potenziert sich natürlich mit dem Faktor 3, wenn alle drei zusammen Backschaft haben: 149.721.291, was zufällig genau der heutigen Distanz in Kilometern zur Sonne entspricht, die übrigens zwischen den Wolken hindurch herrlich auf den langen Wogen des Nordatlantiks glitzert.

Teilt man diese Distanz durch die Anzahl der Vollmonde, die wir bisher auf unserer Reise erleben durften (sieben), erhält man mit 21.388.743 die Anzahl der Gedanken, die man sich an Land seither über uns gemacht hat.

Zieht man von diesen 21.388.755 Gedanken die unnötigen Sorgen (19.281.789) ab und teilt den Rest durch die Anzahl der Tage, die wir schon von Zuhause schon weg sind (174), kommen wir auf 12.109. Das sind genau die Seemeilen, die das segelnde Klassenzimmer bisher insgesamt zurückgelegt hat. Teilt man die 12.109 Seemeilen durch die Anzahl der Gabeln, die mit dem Spülwasser über Bord gegangen sind (38, es war in Horta ein spannendes Erlebnis, das Grillfleisch mit Messer und LÖFFEL zu essen) und teilt dieses Ergebnis wiederum durch die 45 Knoten Wind, die uns heute voranpeitschen, erhält man interessanter Weise unsere momentane Geschwindigkeit von 7 Knoten, mit denen wir durch den Atlantik pflügen.

Diese 7 Knoten mit den 3 Segeln, die noch stehen (gerade mal Innenklüver und beide Untermarsen), malgenommen, ergeben mit 21 das Datum unserer Rückkehr. 21 multipliziert mit der Zahl der Atlantiküberquerungen, auf die wir stolz zurückblicken (2), ergibt 42. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.
veRena

P.S.:
Ich wünsche dir alles, alles Gute zum Geburtstag Luca ich denke dich und vermisse dich! (Theo M)

Zuhausen

Datum: 3. April 2018
Position: 46°40,7’N, 018°34,5’W
Etmal: 98 NM
Wetter: Wasser 12°C, Luft 13°C, Windstärke 7
von Yara

Laurine’s Tagesmeldung (vom 01.04.2018) hat mich zum Nachdenken gebracht. Sie hatte uns ja dazu befragt, was wir von unserer HSHS-Zeit (an Bord der Roald) wohl am meisten vermissen werden, wenn wir wieder zurück in unserem Alltag zuhause sind. ZUHAUSE – für 6 Monate ist die Roald, also ein Schiff, dann unser „Zuhause“ gewesen, ein Zuhause, dessen Alltag insgesamt doch etwas anders beschaffen ist als der Alltag in dem Zuhause, in das ich bzw. wir alle bald zurückkehren werden.Es beginnt schon beim Wecken: Hier an Bord wird man an Wachtagen entsprechend der Wache zu all möglichen Uhrzeiten des Tages geweckt, die 4-8-Wache zum Beispiel um 3:30 oder 15:30 Uhr. Wenn man Schule hat, wird man um 07:00 Uhr geweckt. Ein Ausschlafen gibt es nicht so richtig. Auch an Sonntagen nicht. Dabei wird man mit immer dem gleichen Satz aus seinem Tiefschlaf und seiner Traumwelt gerissen: Yara, aufstehen! Es ist 3:30 Uhr, in einer halben Stunde beginnt deine Wache. Draußen ist es 11 Grad kalt und es regnet leicht.“ Und dann beginnt die Hektik, um ja auch pünktlich zum Wachwechsel an Deck zu stehen. Bald werden wir an Wochentagen wieder zwischen 06:45 und 7:00 Uhr geweckt, um rechtzeitig zur Schule zu kommen. Ich bin immer sehr zärtlich geweckt worden, mit entspannter Stimme, konnte mit Zeit und Ruhe gemütlich aufstehen. Wenn Wochenende ist, kann man so lange schlafen, bis man von alleine wach wird.

In diesem Zuhause werde ich wieder einen ganzen Kleiderschrank für mich haben, das heißt auch, sehr viel Kleidungsauswahl, aber eben auch Zeit zur Garderobenwahl und zum Anziehen. Wenn ich mich etwas dabei beeile, bleibt sogar noch Zeit für andere Dinge, wie zum Beispiel für meine Haustiere. Hier an Bord hat man eigentlich keine Zeit, um sich ausführlich anzuziehen und sich insgesamt startklar für den Tag zu machen, aber angesichts der begrenzten Kleiderauswahl spielt das auch eigentlich keine Rolle, wichtig ist hier vor allem, sich zu beeilen, um nicht zu spät zur Wache oder zum Unterricht zu kommen. Mit dem Seegang kann das dann auch schon einmal zur Herausforderung werden, denn dann ist das Aufstehmanöver noch schwieriger, da man sich permanent überall festhalten und die perfekte Welle abwarten muss, um zumindest ein paar Klamotten an den eigenen Leib zu bekommen.

Hat man das geschafft, wartet in der Messe das immer gleiche Frühstück auf einen. Auch hier wird einem die morgendliche Gemütlichkeit häufig vom Seegang durchkreuzt, da man neben seiner Tasse, seinem Teller samt belegten Brötchen sowie seinem Messer und ggf. seinem Löffel ständig auch diverse Nutella-, Marmeladen- und Honiggläser, Wurst- und Käseteller, die Butter und Obstsalatschüssel im Auge behalten, dann und wann auch mit den Händen irgendwie festhalten und sichern muss, um einen seegängigen Frühstückssalat auf dem Messeboden zu verhindern. All das wird demnächst nicht mehr sein… dann werden wir an Frühstückstischen in Räumen sitzen, die nicht den Gesetzen des Seegangs unterliegen. Man wird sich wieder Zeit bei der Auswahl dessen lassen können, was man essen will (Aufstrich, Brötchen, Getränke…), kann sich gelassen (und lange) dabei unterhalten, evtl. auch nebenher die Zeitung lesen – man wird zwei Hände frei haben, womit wir eine bisher kaum bemerkte Freiheit und Flexibilität wiedererlangen.

Auch wird es wieder möglich sein, sich spontan mit Freunden treffen zu können, wobei man mehrere Möglichkeiten hinsichtlich des Treffpunktes und der Aktivitäten hat – man kann beispielsweise ins Kino, in die Stadt oder zum Sport gehen. An Bord sind die Möglichkeiten auf 50 Meter Länge und 7 Meter Breite begrenzt. Definitiv hat man insgesamt 8 Stunden Wache oder Unterricht, wenn man „frei“ hat, nutzt man diese kostbare Zeit oft zum Schlafen oder man unterhält sich mit den Anderen, liegt einfach in der Koje und schreibt Tagebuch oder liest ein Buch.

Auch das Essen bzw. Kochen zeichnet sich durch beschränkte Kapazitäten oder Herausforderungen aus: Begrenzte Kapazität im Hinblick auf das, was man kochen kann oder auch soll, denn alles muss zunächst IMMER mit dem Proviantteam abgesprochen werden. Man kann nicht einfach in den Kühlschrank greifen oder in die Lasten klettern, um nach Lust und Laune zu „schmausern“. Erst wenn der in der Regel eingehend besprochene Essensplan für den nächsten Tag steht, klettert man in die Lasten, um zu suchen und zu holen, was zum Kochen benötigt wird. Auf keinen Fall darf man vergessen, was genau und wie viel man aus den Lasten an Nahrungsmitteln herausgenommen hat, in das Proviant-Buch einzutragen. Bald kann man sich ohne aufwändigeren Absprachen einfach wieder am heimischen Kühlschrank bedienen oder zum Supermarkt um die Ecke laufen, um fehlende Bestände problemlos auszufüllen. Man wird kochen können, worauf man gerade Lust hat und wann man dazu Lust hat.

Auch das Duschen oder sogar Baden kann wieder zur ALLTÄGLICHEN Routine werden. Nur jeden dritten Tag so kurz wie möglich zu duschen – das wird eine liebenswerte – weil weit entfernte – Erinnerung sein: Wasser kurz an, Haare und Körper schnell nass machen, Wasser aus, Haare und Körper „shampoonieren“, Wasser kurz an und Schaum abwaschen und dabei versuchen, so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen. Auch unser Verhältnis zu unserer Schlafstätte wird wieder ein anderes sein: Hier an Bord leben wir (mit fast all unserem Hab und Gut) in unseren Kojen, in denen wir die meiste Zeit verbringen. Die Koje ist nicht nur ein Ort zum Schlafen, sondern auch der einzige Ort mit zumindest etwas Privatsphäre. Dort „chillen“ wir, dort findet man Ruhe, dort unterhält man sich, schreibt Tagebuch, liest, träumt, etc. Zuhause an Land verbringe ich – außer zum Schlafen – eigentlich kaum Zeit im Bett. Viele Dinge werden in anderen Räumen unseres Zuhauses oder draußen unternommen.
Bald – bald ist es soweit: Abschied und Ankunft von Zuhausen.
Yara