Datum: 16. März 2018
Position: 35°58,3’N, 051°19,3’W
Etmal: 121 NM
Wetter: Wasser 19°C, Luft 20°C, Windstärke 6
von Freyja
Bevor wir im Oktober losgefahren sind, hat mir ein Mitglied meiner Familie folgenden Tipp für das Leben auf See mitgegeben: Wenn du ein Handtuch an der Tür hängen hast und dies „schief“ hängt, dann ist in Wahrheit die Tür schief.
Natürlich hatte ich mir damals noch kein richtiges Bild davon gemacht, wie Seegang den Alltag verändert. Nehmen wir das Messelogis als Beispiel: Dort sollte man bei Seegang nur backbords durchgehen, da steuerbords die Hängematten gefährlich auf Schulterhöhe hin und her schaukeln. Weiter geht es mit den Kammern: Inzwischen haben so ziemlich alle ihre Leebretter in ihre Kojen eingebaut, weil sie sonst mit der Bewegung des Schiffes aus ihren Kojen fallen würden. Außerdem ist auch alles festgebunden, was man auch nur festbinden kann, denn was nicht festgebunden ist, dass sucht sich ein neues Zuhause in der Kammer. Zeit ist auch ein Faktor, der sich bei Seegang ziemlich verändert, da man ungefähr doppelt so lange für alles, was man tut, braucht.
Willst du dir zum Beispiel eine Jogginghose anziehen, musst du zuerst den richtigen Platz finden, an dem du dich, optimalerweise „mittschiffs“, mit dem Rücken irgendwo gegenlehnen und dich mit einer Hand entweder rechts oder links von dir stützen kannst. Wenn du dann soweit bist, musst du die „richtige“ Welle abpassen, damit du schnell den Fuß durch das erste Hosenbein bekommst und so schnell wie möglich wieder festen Stand gewinnst, bevor die nächste Welle kommt, die dich möglicherweise zum Umkippen bringt. Es gilt die Regel: „Eine Hand für dich und eine Hand fürs Schiff“ – doch gelegentlich brauchst du eher zwei Hände für dich.
Durch das ständige Ausgleichen des Seegangs werden alltägliche Dinge, wie zum Beispiel Duschen, auch wenn das bei uns eher nicht so alltäglich ist, und Umziehen, um gefühlt 200 Prozent anspruchsvollere Aktivitäten. Dies wird vor allem auch gerade in der Kombüse deutlich…
Die Kombüse ist DER Ort, den du bei Seegang unbedingt vermeiden möchtest, da du dort das Gefühl hast, dass alles durch die Gegend fliegt! Natürlich tut es das nicht wirklich, da die Kombüse genauso seefest gestaut ist, wie jeder andere Ort auf diesem Schiff, doch der Lärm vermittelt den entscheidenden Unterschied! Der Lärm von Schüsseln, die hinter geschlossenen Schranktüren hin und her rutschen, der Lärm von Besteckhaltern, die auf den Boden fallen, sowie das Schreien und Fluchen der Backschafter…
Doch man kann doch keine Tagesmeldung über den Seegang schreiben, ohne den berühmten Tigergang zu erwähnen: An der Backbordseite mit nassem Ölzeug gepolstert und an der Steuerbordseite mit Schapps bedeckt. Wenn du diesen bei Seegang durchqueren möchtest, musst du dich bei jeder Backbordkrängung in die Jacken fallen lassen, sonst kommst du nicht voran, doch das versteht man vermutlich erst wirklich, wenn man schon bei Seegang Roald gefahren ist.
Freyja Sif
P.S.:
1. Liebe Grüße nach Osnabrück! (Freyja Sif)
2. Ich grüße die Osnabrücker und freue mich schon, euch alle wiederzusehen! (Rosa)
2. Ich grüße meine ganze Familie und meine Freunde an Land und freue mich unendlich doll, euch bald wiederzusehen. (Yara)
Es erscheint mir noch gar nicht lange her, dass wir aus dem Nord-Ostsee-Kanal in die Nordsee aufgebrochen sind und unsere Reise angetreten haben. Die Zeit ist einfach so unglaublich schnell vergangen, ich kann es einfach nicht fassen: nur noch 37 Tage bis zu unserer Ankunft in Wilhelmshaven! Ich muss sehr oft an unsere Zeit an Land zurückdenken. Unseren ersten erzwungenen Stopp in Cherbourg, aufgrund des anfänglich schlechten Wetters. Dort konnten wir uns dann das erste Mal bei unseren Eltern melden und davon berichten, wie es uns auf der Roald geht. Nach drei Tagen des Abwetterns ging es dann weiter nach Vigo. Dort haben wir das erste Mal nachverproviantiert und der erste Crewwechsel stand uns bevor. Unser nächstes Ziel hieß Teneriffa. Dort sind wir gemeinsam den Teide hochgewandert und konnten uns den Sonnenaufgang über den Wolken angucken. Eine Woche sind wir auf Teneriffa geblieben, bevor wir den Atlantik in drei Wochen überquert haben. Während dieser Zeit haben wir mit dem Unterricht begonnen und täglich Schiffserhalt betrieben.