Vier Monate unterwegs

Datum: 20. Februar 2018
Position: 19°18,15’N, 078°17,9’W
Etmal: –
Wetter: Wasser 27°C, Luft 27°C, Windstärke 6
von Milena

Vier Monate und sechs Tage sind wir nun schon unterwegs. Ehrlich gesagt, habe ich noch nie so richtig darüber nachgedacht, wie lang das eigentlich ist. Denn hier auf dem Schiff merkt man das gar nicht so richtig, weil man so viel erlebt. Das heißt nicht, dass man nicht auch mal Heimweh hat, und ganz ehrlich: ich glaube, dass hatten selbst die ganz Harten unter uns schon auch. Denn es gibt immer mal Momente, in denen man besonders an zu Hause denkt, vielleicht ja genau gerade jetzt. Es sind nur noch zwei Monate und gefühlt sind wir praktisch gerade auf dem Rückweg, eben nach Hause. Man fängt an darüber nachzudenken, wie toll es sein wird wieder zu Hause zu sein, was wird man als erstes machen und einige freuen sich auf ihren ersten Schultag, an dem sie alle Freunde wiedersehen, das erste Mal wieder zum Sport gehen, wieder einen ganz normalen (Schul-)Alltag haben … Doch was ist mit dem Alltag den wir dann sechs Monate lang an Bord hatten?

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich am meisten vermissen werde … Natürlich dieses Gefühl zu haben, jeden Tag an einem anderen Ort zu sein, all das, was wir alles in den verschiedenen Ländern, die wir besucht haben, erlebt haben und kennengelernt haben, aber auch ganz kleine Dinge, wie zum Beispiel abends in der Messe zu sitzen und die wildesten Lieder krumm und schief zu singen oder unsere „Kombüsen-Partys“.

Doch es gibt eine Sache, die ich am meisten vermissen werde! Und zwar die anderen 29 Leute, die es seit vier Monaten und sechs Tagen mit mir aushalten und mit den man so vieles schon durchgemacht und erlebt hat. Auch wenn man vielleicht nicht mit jedem der allerbeste Freund ist, gehört jeder einzelne dazu! Wir zusammen ergeben die Gruppe, die wir sind, egal wie unterschiedlich wir alle auch sein mögen. Auch wenn man mal sagt, den mag ich aber nicht, braucht man den genauso wie alle anderen, auch wenn man das im ersten Moment vielleicht gar noch nicht so erkennen kann. Jeder von uns hat seine Stärken und seine Schwächen, denn niemand ist perfekt und genau das ist es, was es so perfekt macht, dass wir es nur zusammen seien können!
Milena

PS.
1. Ich grüße meine ganze Familie und Freunde zu Hause, ich vermisse euch! Milena
2. Alles Gute zum 16. Geburtstag, Konsti! Nico

Die Schoten wachsen im Garten

Datum: 19. Februar 2018
Position: 20°23,1’N, 079°36,2’W
Etmal: 103 NM
Wetter: Wasser 26°C, Luft 27°C, Windstärke 4
von Laurine

Als wir alle zum ersten Mal die Roald Amundsen betreten haben (für die meisten von uns war das auf dem Probetörn) waren wir ziemlich schnell aufgeschmissen. Denn als es dann die ersten Segelkommandos gab, zum Beispiel „Klar zum Setzen der Vor-Obermars! An das Fall, klar bei Niederholer und Gordingen und fier auf die Brassen!“, wusste man eigentlich nicht so richtig, wo und in welche Richtung man sich jetzt hinbewegen sollte. Äh, man ist dann einfach zielgerichtet irgendwo drauf zugegangen und hat gehofft, dass wenigstens die Richtung so ungefähr stimmt. Man wusste nicht, welches der 18 Segel gemeint war und welchen der ca. 150 Tampen man überhaupt „ziehen“ oder „loslassen“ sollte. Es war alles echt verwirrend und überwältigend, vor allem wenn man vorher noch nie auf einem Schiff war. Zudem ist die Sprache hier ganz anders als die an Land, und so gab es viel für uns zu lernen. Während des Segelbetriebs an Bord werden die Kommandos immer gleich formuliert. Am Anfang hörte sich das (und die Formulierungen) lustig an, aber nach kurzer Zeit haben wir gemerkt, dass es eher hilfreich und sinnvoll ist, immer dieselbe Formulierung zu benutzen, denn so weiß man sofort, was gemeint ist, man kann es sich besser merken und es können erst gar keine Missverständnisse entstehen.

Damit wir uns am Anfang besser merken konnten, wo sich welcher Tampen befindet, wurden uns viele Eselsbrücken beigebracht. Hier ein paar Beispiele:
– Die Schoten wachsen im Garten. (Damit ist der Mastgarten gemeint)
– Von vorne nach achtern und von oben nach unten. (So sind die Tampen in Bezug zu den Segeln angeordnet)
– Die Bram steht „alaan“. (Damit ist das Bramfall gemeint, welches alleine auf der Gegenseite des Obermarsfalls und des Royalfalls seinen Platz hat)
– J-I-V-A (Abfolge der Niederholer und Fallen für die Vorsegel, wie sie belegt sind: Jager, Innenklüver,
Vorstengestag und Außenklüver)
– Weiße Nägel tragen Holz. (Zum Beispiel die Rahen)
– Piek war ein Kommunist – links. (Das Piekfall ist an backbord und dementsprechend ist das Klaufall an steuerbord)
usw. …

Zudem gibt es auch für manche Wörter komplett andere Begriffe, die auch unter anderem im normalen Sprachgebrauch auf einem Schiff verwendet werden:
– links – backbord
– rechts – steuerbord
– Achtung! – Warschau!
– hinten – achtern
– Verknotungen/ Stau/ – Wuhling
– Kombüsen(Küchen)-Dienst – Backschaft
– Radar – Möwengrill
– ziehen – holen
– loslassen/langsam lockern – fieren
– Zimmer – Kammer
– Bett – Koje
– Tasse – Mugg
– Tür – Schot
usw. …

Das Lustige ist, dass wir die „Schiffsbegriffe“ alle schon fest in unseren Sprachgebrauch eingebaut haben und sie auch an Land gebrauchen, was bei anderen Leuten manchmal etwas für Verwirrung sorgt. Natürlich hat sich hier zwischen uns Schülern auch eine eigene „Sprache“ entwickelt oder zumindest wurden einige neue Wörter gebildet:

– Schinken (Anrede, Schimpfwort, …alles?)
– Salty/salzig (bedeutet so etwas wie: genervt, „gesalzen“, sauer, schlecht drauf sein, … / die passende Handbewegung dazu ist, wie als würde man eine Prise Salz auf den Kopf eines anderen herunterrieseln lassen. Man kann auch richtiges Salz nehmen, allerdings muss man dann damit rechnen, dass die betroffene Person noch „salziger“ wird).
– Struggle bzw. jemand ist am struggeln (bedeutet, dass jemand etwas gerade nicht so richtighinbekommt)
– Hoff nicht! (Bene hat mal ziemlich gehofft, danach war das Alltagssprache)

Mittlerweile klappt das alles natürlich gut und jeder weiß, wo er hingehen soll, wenn es jetzt heißt: „Klar zum Setzen der Vor-Obermars! An das Fall, klar bei Niederholer und Gordingen und fier auf die Brassen!“ (Vielleicht kam das Kommando ja auch von einem Schüler, denn es gibt in den verschiedenen Wachen auch immer mal wieder einen Tagestoppsis) Wenn es am Anfang mit einer Wache noch 30 Minuten gedauert hat, zwei Segel zu setzen, geht dies jetzt innerhalb von 5 Minuten. Es ist schön, diesen Prozess zu sehen und zu merken, dass wir immer mehr, egal ob es das Segeln oder etwas Organisatorisches betrifft, selbständiger erkennen und umsetzen.
Laurine

P.S.:
1. Ich grüße meine Eltern; Sam und Flo; T, A, L &B; M&M + N aus Mönkeberg!! (Laurine)
2. Janik und Theo grüßen Maurice und Jan – wir sehen uns in 2 Monaten!
3. Grüße gehen raus an Carlo von mir und Nico! (Bene)