Leben lernen auf Segelschiffen

Datum: 21. April 2016
Position: 48°43,2’N, 011°48,8’W
Etmal: 86 nm
Wetter: Wasser 11,5°C, Luft 12°C, Wind 3-4 Bft.
von Felix

Bitte nehmen Sie das Folgende nicht zu ernst. Ich bin gerne hier an Bord und werde der Roald auch nach meiner Zeit bei HSHS noch erhalten bleiben. Wir können hier an Bord gut über uns selbst lachen und haben deshalb eine ironische Reisebroschüre mit frei erfundenen Inhalten verfasst.

Ein unvergessliche Reise auf der Roald Amundsen entführt Sie in unendliche Weiten und unergründete Tiefen. Erfahren Sie, was es heißt, bei dem Geruch von Seeluft und frisch gesprudeltem Grauwasser einzuschlafen. Lassen Sie sich von unserer hilfreichen Stammcrew das Schiff erklären und anschließend herum kommandieren. Segeln lernen und üben bei 35 Knoten Wind von vorne und bei laufender Maschine. Starten Sie jetzt Ihre Reise, um unvergessliche Ereignisse nie zu vergessen.

Das Tagesprogramm
Morgens bieten wir Ihnen ein ausgewogenes Frühstücksbuffet nach englischer Art, bestehend aus knusprigem Zwieback und aromatischem Pulverkaffee. Dazu dürfen sie aus einem täglich neuem Angebot aus fast frischem Obstsalat oder Porridge mit variierenden Viskositäten wählen. Gestärkt für den Tag können Sie gut gelaunt zur Wache antreten und die Kälte genießen. Entspannen Sie in unserem Freiluft-Aquarium und seien Sie dabei, wenn die Fische mit dem eben gegessenen Frühstück gefüttert werden. Anschließend können Sie aus unserem umfangreichen Angebot an Freizeitaktivitäten wählen. Zur Auswahl stehen unter anderem:

  • Erhalten der Algenkolonien an Deck durch längeres Bewässern mit anschließendem Bürsten
  • Reinigen der Whirlpools für Fest- und Flüssigstoffe
  • und noch vieles mehr

Nach getaner Arbeit schmeckt das wohl verdiente Mittagessen gleich viel besser. Das ständig variierende Menü besteht aus Fleisch oder kein Fleisch, begleitet von diversen Reis-, Kartoffel- und Spaghettisorten. Lassen Sie sich das Fleisch in den Garstufen „raw“ und „very well done“ auf der Zunge vergehen. Als süße Verführung gibt es mit Liebe zubereitetes Apfel-Birnenmus frisch aus dem Glas, unterrührt mit frischem halbfesten Obst frisch aus der Frischhaltefolie.

Um Ihre Verdauung nach solch einer Stärkung möglichst effektiv zu unterstützen, laden wir Sie in unsere Duftsaunen ein. In der Feuchtsauna erschnuppert man die bekannten Gerüche von Milchverpackungen oder Konservendosen. Alternativ begeben Sie sich auf eine exotische Gerüchereise in der Trockensauna, zwischen Weizenmehl und Fertigsuppen. Genießen Sie ebenfalls unser Semikneippbad an Deck, welches nach neusten wissenschaftlichen Studien nur Kaltwasser führt. Mit befreiten Atemwegen geht es wieder an Deck, um die süßen Backstücke von Dr. Oetker zu genießen. Dazu servieren wir feinsten Kaffeesatz mit Wasser unterrührt. Unser Nachmittagsprogramm beinhaltet:

  • ein Klangspiel schlagender Segel
  • Wasser hautnah auf Ihrer Haut
  • und vieles Meer

Zum runden Abschluss des Tages lassen Sie sich ein letztes Mal von unserer Küche und Ihrem Personal in Ekstase versetzen. Mit nachhaltiger Verwertung der vorherigen Buffets und einer gebackenen Mischung aus Mehl, Wasser, Hefe und Salz haben wir es perfektioniert, Sie über die Nacht am Leben zu halten. Nach so einem ereignisreichen Tag fällt man förmlich, dank des Seegangs, in den Schlaf. Wenn Sie es nicht bis in ihre Koje geschafft haben, helfen Ihnen sicher gerne ihre fünf Kammerkollegen/innen, Sie unter die Decke zu schieben, falls hinter der Wand kein Platz mehr war. Gude Ruh und bis Morgen auf der Roald Amundsen. Vielen Dank an Jakob für 3,5 Stunden Unterstützung beim Schreiben dieses Beitrags. Alles Gute an meinen liebsten von meinen kleinen Brüdern. Irgendwann bist vielleicht älter als ich aber bis dahin feiern wir demnächst wieder zusammen unsere Geburtstage.
Felix

Grüße: LG von A. an L.

Friede, Freude, Eierkuchen (?)

Datum: 20. April 2016
Position: 48°20,0’N, 013°50,8’W
Etmal: 47 nm
Wetter: Wasser 11°C, Luft 11°C, Wind 4-5 Bft.
von Daniel

Zusammengekuschelt werden die Wachen verbracht. Alle mit Ölzeug und drunter mindestens 3 Schichten, in fötaler Position, hocken wir zusammengekauert auf der Brücke. Ob man es glaubt oder nicht, die Stimmung ist erstaunlich gut. Wir bleiben motiviert… Wir spielen „Ich packe meine Rettungsinsel“ oder singen von einem belegtem Brot mit Schinken oder Ei. Der Gruppe generell geht es alles in allem auch gut. Wir haben heute mit Olli eine Konfliktlösungs- Session gehalten. Auf einen Zettel haben wir geschrieben was uns nervt, und mit Zeichen angegeben, als wie gravierend wir es empfinden. Viele rollen die Augen oder seufzen, denn das Thema „Sozialkompetenz“ wird zum hundertsten Mal durchgekaut. Es ist bei weitem noch nicht bei allen angekommen, dass wir eine Gruppe sind und Zusammenhalt wichtig ist, aber es ist, ehrlich gesagt, besser geworden. Mit dem Reflexionsprojekt haben alle viel über die Fehler und Makel der anderen nachgedacht. Aber nicht diese unschönen Wahrheiten, sondern alles Gute und Positive stand dabei im Mittelpunkt. Nicht jeder hier an Bord ist für jeden auch ein toller Kumpel oder die allerbeste Freundin geworden, aber das ist nicht möglich, das wäre nicht normal. Wir haben aber gelernt miteinander auszukommen, für manche heißt es sich aus dem Weg zu gehen, aber für viele heißt es, Zeit für ein Gespräch.

Wir haben uns verändert, hauptsächlich zum Positiven, und haben gemerkt, dass es immer zwei Stimmen, zwei Seiten für jeden Konflikt gibt. Oft macht man selber Fehler, aber übersieht sie recht schnell. Ich selber hätte nie gedacht, dass dieser letzte Monat noch viele Änderungen mit sich bringen könnte; aber wie ich hier so sitze, denke ich daran, dass ich einen echt guten neuen Freund gefunden habe, den ich die ganze Reise nie als solchen bezeichnet hätte, und ich mir immer mehr Gedanken über andere mache, und wie es gehen könnte. Viele Sachen sind nicht perfekt, und das zu leugnen wäre naiv. Über alles was schlecht ist, beklagen wir uns alle, denn meckern können wir gut. Dabei übersehen wir oft, welches Glück diese Reise mit sich gebracht hat.

Diese letzten Tage waren unglaublich melancholisch und gleichzeitig gefüllt von Gelächter und Zuneigung. Wir haben bewiesen, dass man sich sogar zu siebt in einer Koje gut stapeln kann, und dass für jede Sorge, die man hat, immer eine Schulter zum Anlehnen oder Kuscheln da ist. Wie viele vor mir, und hoffentlich noch mehr nach mir, sagen können, bereue ich meinen Entschluss, bei High Seas mit zu fahren, nicht. Obwohl ich es mehr als ein Mal im Rückblick auf alles getan habe, ist man zum Ende doch immer weiser. Und so will ich auch diese Meldung beenden, mit dem Gedanken an Zukunft und Freundschaft, in der Gewissheit, dass sich immer noch was, egal was, bessern kann.
Ceci

Grüße: GLG von A. an L.
Mike gruesst Karin, Cora und El Greco.
Julian grüßt alle die zu Hause sind und wünscht seiner Mama alles Gute zum Geburtstag. ?
Mike gruesst Trixie und die 04-08 Wache.