Über Verantwortung, Freiheit und Milchshakes

Datum: 22. März 2016
Position: 32°22,7’N, 064°40,8’W
Etmal: 0 nm
Wetter: Wasser 20°C, Luft 23°C, Wind 4 Bft.
von Jona

Schon seit langem wurden die Stimmen immer lauter, wir hätten inzwischen einiges gelernt. Wir können das Reinschiff, die Backschaft, den Schiffserhalt und auch den Wachbetrieb an Deck alleine bewältigen. Doch einige wollen mehr. Verantwortung übernehmen, selber Probleme lösen, unabhängiger sein. In letzter Zeit schien die Stimmung an Bord ein wenig zu kippen, Haltung und Engagement ließen nach. Man begründetet dies mit der immer näher rückenden Ankunft in Kiel, doch ich glaube, dass das Problem woanders liegt. Lange haben wir nun all die oben genannten Tätigkeiten unter Anleitung erlernt, doch genauso haben wir das selbstständige Denken verlernt, so hört man es aus den Kammern munkeln. Es entwickelt sich dahin, dass man „nur noch da putzt, wo Robin guckt“, nur noch das macht was einem gesagt wird. An Deck, so heißt es, solle man aus Sicherheitsgründen nur auf Befehl arbeiten, doch dies wird fälschlicherweise auch auf den restlichen Bordbetrieb übertragen. Wir wollen nicht mehr, dass die Lehrer den Essensplan gestalten, den Schiffserhalt leiten, unser Reinschiff kontrollieren. Wir wollen Verantwortung und selbstständig denken. Vorbei mit dem Leben als Exekutive.

Doch dies ist, wie wir alle lernen mussten, gar nicht so einfach. Verantwortung heißt viel Arbeit. „Schüler sollen sich hinsetzen und einen sehr aufwendigen Essensplan schreiben? Wer macht das denn bitte freiwillig?“ So schallt es bei der Schülerversammlung aus der Steuerbordecke. Hände schnellen in die Höhe, es gibt viele Freiwillige, die zum Gewinn von Freiheit und dem Erwachsenwerden einiges an Arbeit auf sich nehmen würden. Außerdem benötigt Verantwortung oft auch klare Kommunikation, oder sogar Hierarchie. Können wir Schüler das miteinander bewältigen? Kann ich mich dem Ordnungsteam unterordnen, wenn es mir befiehlt meine Koje zu machen? Und können diese selbiges machen, wenn ich ihnen als Repräsentant des Kombüsenteams sage, sie sollten die Arbeitsflächen noch ein zweites Mal wischen? Letztendlich sind wir auf der Hierarchieleiter dieses Schiffes ja gleich angeordnet. Ich hoffe ja, doch dies wird sich bald zeigen.

All dies haben wir am gestrigen Tage in einer zweistündigen, der bisher längsten, Schülerversammlung besprochen. Doch selbst so eine Schülerversammlung muss gelernt sein, eine große Aufgabe für Schülersprecher und Schüler. Vergleicht man unsere erste Schülerversammlung mit der gestrigen so kann man eine bombastische Entwicklung beobachten! Immer redete jemand rein, viele Leute verfielen in die Redundanz, die Stimmung war genervt, unruhig, jeder wollte so schnell wie möglich fertig werden. Doch gestern hingegen war wirklich beeindruckend, über 2 Stunden haben alle Schüler die Ruhe behalten, obwohl die Schülerversammlung freiwillig war, waren alle Schüler präsent. Niemand wurde unterbrochen, es wurde tatsächlich Gebrauch von den vereinbarten Handzeichen der Zustimmung, Ablehnung oder Redundanz gemacht. Ein tolles Gefühl, wir funktionierten als Gruppe!

Lange beschäftigten wir uns mit der Frage: „Was ist eigentlich soziale Kompetenz?“ (Dieser blöde Begriff begleitet uns nun schon lange). Über Nacht haben wir an der Tafel in der Messe ein Brainstorming veranstaltet. Lasst mich kurz die wahrscheinlich wichtigsten genannten Punkte darlegen. „Sich gegenseitig unterstützen“, „zuerst an die anderen denken“, „selbstlos sein“, „auch mal Sachen akzeptieren“, „freiwillig für unangenehme Arbeiten melden“, „jeden in die Gruppe integrieren“ und noch vieles mehr… Ich bin der Meinung, das „Keyword“ ist in diesem Fall Empathie, versuche dich immer in die Lage der anderen zu versetzen, und wir werden ein schöneres Leben als Gruppe haben. Es ist wichtig, sich diese Sachen am besten jeden Tag beim Frühstück nochmal vor Augen zu führen, denn ohne diese sozialen Kompetenzen ist ein glückliches Bordleben nicht möglich.

Abgesehen davon geht es hoffentlich bald auf unsere zweite Atlantiküberquerung, diesmal gen Osten. Bermuda ist eine sehr schöne, aber sauteure Insel. Bei 7$ für einen kleinen Milchshake stellen sich mir die Nackenhaare auf, da muss ich als Schüler ja mindestens „’ne Stunde für arbeiten! Im Verlauf von High Seas habe ich erst gemerkt, wie unglaublich billig Deutschland ist. Wie das überhaupt möglich ist, würde ich nun auch noch gerne erörtern, doch das würde vermutlich den Rahmen dieser Tagesmeldung sprengen.

Nachtrag: Heute fanden die Anschläge in Brüssel statt, ich denke ich kann für alle sprechen, wenn ich sage, dass wir höchst erschüttert sind. Ich bin froh, dass ich von all den Unruhen nicht so viel mitbekomme, und blicke ratlos in die Zukunft.
Peace Out, Jona

Grüße: Ich grüße meine Oma und Opa, Udo, meine Eltern und meine Bruder von Herzen, ich hoffe es geht euch allen gut!
Softschubibubi treibt sich wieder rum auf der Roald. Beste Grüße an Alle, die wissen wer gemeint ist!

Eine ganz normale Backschaft

Datum: 21. März 2016
Position: 32°22,7’N, 064°40,8’W
Etmal: 0 nm
Wetter: Wasser 20°C, Luft 23°C, Wind 5 Bft.
von Bene

Vorwort: Die folgenden Zeilen stellen einige Ereignisse des heutigen Tages stark überzeichnet dar, manche Aussagen sind ironisch zu verstehen. Alle in diesem Text beschriebenen Personen sind mit allem Geschriebenen einverstanden. Der Text kann an manchen Stellen von der Wahrheit ein wenig abweichen. Beleidigende Äußerungen in Originalzitaten der beteiligten Personen sollen lediglich die Authentizität der Schilderung erhöhen und sind nicht abwertend gemeint. Dieser Text dient ausschließlich zur Unterhaltung der Leserinnen und Leser. Die Zeiten im Text sind authentisch. Heute hatten wir einen Ausflug nach Hamilton, der Hauptstadt von Bermuda. Dort gingen alle in Gruppen herum, aßen, tranken, chillten, suchten WLAN (in der Mall) und flüchteten vor dem Regen. Nun zum spannenderen Teil: Die Nachmittagsbackschaft ab der Rückkehr unter der Leitung des Backschaftsverantwortlichen Vitus.

16:05 Uhr Bordzeit; Zurück auf der Roald Amundsen
Backschaftsverantwortlicher Vitus und sein Team (Luisa und Tobias) betreten die Kombüse. Noch ahnte keiner, was für ein Desaster auf sie zukommen wird.

16:07; Kombüse der Roald Amundsen
Backschaftsverantwortlicher Vitus verkündet, dass es zum heutigen Abendessen Tortellini mit Tomatensauce geben wird. Er selber wird sich der schwierigen Aufgabe stellen, die Tortellini zu kochen, während Luisa an den Bräter abkommandiert wird, um die Sauce zuzubereiten. Zur gleichen Zeit: Im Mittelgang der Roald Amundsen spielen sich dramatische Szenen ab. Zu viele heimkehrende Schüler gleichzeitig rennen panisch und schreiend herum, um eine der wenigen Toiletten zu finden und sich ihres Druckes zu entledigen.

16:20 Uhr; Kombüse der Roald Amundsen
3 weitere Leute betreten die Kombüse. Svenja und Josha gehen in die Kühllast, um diese zu sortieren. Währenddessen bietet der allzeit und immer hilfsbereite Mitschüler Benedikt seine Hilfe an, bei der unglaublich schweren Zubereitung der Tortellini mit Tomatensauce mitzuhelfen. Diese wird dankend angenommen.

16:45 Uhr; Kombüse der Roald Amundsen
Benedikt und Luisa kümmern sich liebevoll um die Tomatensauce, die nichtsahnend im Bräter vor sich hinköchelt. Unterdessen hat das Nudelwasser eine lauwarme Temperatur erreicht. Zitat: Backschaftsverantwortlicher Vitus: „Warum braucht diese Scheiße so lange bis es kocht?!!“ Denn dieser steht schon seit einiger Zeit sprungbereit mit einer Packung Tortellini in den Händen neben den Töpfen.

17:01; Kombüse der Roald Amundsen
Mitschüler Jakob betritt nichtsahnend die Kombüse und wird sofort vom Backschaftsverantwortlichen Vitus vom Mitschüler zum Kombüsen-Gehilfe degradiert.

17:02 Uhr; Kombüse der Roald Amundsen
Das Nudelwasser ist kurz davor, seine optimale Nudelwasserkochtemperatur zu erreichen.

17:04 Uhr, immer noch in der Kombüse der Roald Amundsen
Der Backschaftsverantwortliche Vitus bekommt innerlich schon eine leichte Panik, da einerseits die Nudeln sehr bald ins Wasser müssen, andererseits aber Svenja aus der Kühllast Befehle ruft, die oben auch noch ausgeführt werden müssen.

17:15 Uhr; Kombüse der Roald Amundsen
Der Backschaftsverantwortliche Vitus bekommt immer mehr Stress. Die Nudeln kochen über. Leute kommen herein und wollen wissen, wann das Essen fertig ist. Und nun auch noch die Befehle aus der Kühllast.

17:27 Uhr; Kombüse
Zitat: Backschaftsverantwortlicher Vitus :“ Maann Jakob, mach schneller, die Nudeln sind schon längst fertig.“ (dabei lehnt er tiefenentspannt an der Säule und isst ein Brot). Kombüsen-Gehilfe Jakob ist kurz vor dem Ausrasten. „Vitus du faule Sau, beweg deinen Arsch lieber selber und mach mit.“ Entgegnung: „Ich mach doch schon voll viel.“

17:35 Uhr, Kombüse der Roald Amundsen
Die Lage entspannt sich wieder. Das Essen liegt bereit. Backschaftsverantwortlicher Vitus ist zufrieden mit seiner Mannschaft. „Wir haben gut zusammengearbeitet und keine Beschwerden gehabt. So muss das immer laufen.“ Und während Luisa noch mit ein wenig Hektik versucht, alle an der Essensausgabe so schnell wie möglich abzuarbeiten, geht Backschaftsverantwortlicher Vitus mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht und einem großen Teller Tortellini aus der Kombüse.

Liebe Grüße an meine Eltern. Vor allem an meine Großeltern und die Omi und auch an meine Uri. Ich hab euch alle lieb und freue mich, wenn ich euch wiedersehen kann.
Bene