Abendliche Verse

Datum: 8. April 2016
Position: Horta, Azoren
Etmal: 0 nm
Wetter: Bewölkt, Wind NNE, 0 Bft.
von Josha

Wenn ich Nachts im Ausguck stehe
sehe ich aus nächster Nähe
Delfine tanzen und springen
und die uns’ren leise singen.
Tage und Wachen vergehen
wir können es nicht verhindern
die Zeit bleibt nicht für uns stehen
wir sind nur kleinliche Kinder.
Auch jeden Morgen merkt man nun
wir können nichts and’res mehr tun
Als uns“re Zeit hier zu nutzen
doch wir müssen dauernd putzen.
Ponta Delgada liegt vor uns
der Wind ist jedoch gegen uns
So läuft Emma den ganzen Tag
auch wenn das hier niemand mehr mag.
Doch ist’s in 4 Wochen so weit
man denkt an jene, die sich freut
uns in die Arme zu schließen
die Gesellschaft zu genießen.
Uns’re Glocke läutet nun
jetzt kann ich daraus erschließen
hab vergessen die Sonn‘ zu schieß’n
bin nun essen, Brötchen mit Thun.
Josha

Da war dann vielleicht doch noch was…

Datum: 7. April 2016
Position: 38°31,8 N, 028°37,5 W (Horta, Azoren)
Etmal: 0 NM
Wetter: Wasser 17 C, Luft 23 C, Windstärke 3-4
von Fanny

In einem Monat werden wir ankommen. Und da sich wahrscheinlich alle Eltern auf ihre ja so weiter entwickelten und so erwachsen gewordenen Kinder freuen muss ich, glaube ich, leider doch vorwarnen. Bei einigen scheint das Geld zum Fenster rausgeworfen zu sein. Hätten Sie doch lieber in ein neues Auto investiert. Vor einem Monat wurde in der Schülerversammlung entschieden, den Bordkiosk für die Schüler zu schließen. Wieso? Es fehlten zum nun, glaube ich, dritten Mal über hundert Euro in der Abrechnung. Wir beklauen uns hier gegenseitig. Die Lehrer und die Crew haben sich anfangs noch für uns eingesetzt, aber nichts hat geholfen. Aber nun gut. Als würde das nicht schon reichen, bedienen sich einige jetzt so an den Softdrinkdosen und lassen sie auch noch leer getrunken in der Dosenlast stehen.

30 Eltern denken sich beim Lesen natürlich „mein Kind würde so etwas doch niemals tun“. Aber irgendjemand muss es ja gewesen sein. In der Kühllast liegen Schalen von aufgegessenen Bananen rum und ach ja, eigentlich scheißen wir doch sowieso auf alle anderen hier. Da hätte ich ja fast vergessen, dass sich hier auch die Süßigkeiten untereinander aus den Kojen geklaut werden und dann die Verpackungen bei anderen in die Fächer gelegt werden um schön von sich abzulenken. Wir sind ja so eine zusammengewachsene Gruppe geworden. Aber trotzdem bleiben bei den Landgangsteams immer welche über und niemand kann akzeptieren, mal nicht mit seinen besten Freunden in einer Gruppe zu sein, egal worum es geht.

Misskommunikation. Manchmal ist man sich hier auch zu gut, um mit den anderen zu sprechen und schickt wen vor, zum hin und her laufen. Und wenn dann mal nach stundenlanger Diskussion in der Gruppe etwas entschieden wurde, fällt meistens einigen zwei Stunden später ein, dass sie doch noch nicht ihre Extrawurst bekommen haben und dann muss wieder alles von vorne durchgekaut werden. Aber wenn man nach sechs Monaten täglichem Putzen hört, dass man stolz darauf ist, es geschafft zu haben, nicht einmal eine Toilette putzen zu müssen, fragt man sich schon mal ob hinter den ja ach so süßen und tollen Gesichtern irgendetwas falsch gelaufen ist. Wenn man abends in seiner Koje liegt und am einschlafen ist, erfährt man die besten Dinge über die anderen und manchmal auch über sich selber, von denen man einfach nichts wusste. Schalldichte Räume an Bord würden auch helfen.
Fanny

P.S.: Thank you for writing this, Fanny. Not every Tagesmeldung should be a love letter and reality can be hard to accept. I can understand very well your feelings and you will remember that I had observed your disappointment a few days ago. You told me you were a bit tired. To be honest, I didn´t believe you. Now I understand your bitterness. It is great to have met you. Patrick